11. Januar 2018

Interview: Tamara Lunger

"Meine Glückseeligkeit an der Grenze zum Tod"

Inmitten von Bergen in Südtirol nahe Bozen und als Tochter von Alpinist Hansjörg Lunger aufgewachsen, liegt GORE-TEX-Athletin Tamara Lunger das Bergsteigen quasi im Blut. 2002 hat sie mit dem Bergsteigen angefangen und ist schon seit langem eine der wichtigsten weiblichen Mitstreiterinnen im Bereich des Bergsports.

 

"In den Bergen sein, ist für mich wie nach Hause kommen"

 

2010  erreichte sie als jüngste Frau der Geschichte im Alter von 25 Jahren den Gipfel des 8516 Meter hohen Lhotse im Mount-Everest-Massiv des Himalayas. 2014 erfüllte sie sich einen Traum, als sie als zweite Frau italienischen Ursprungs den K2 (8611m) bestieg. Doch im Februar 2016 musste die junge Südtirolerin eine schwere Niederlage einstecken, als sie nur 70 Höhenmeter unterhalb des Gipfels des Nanga Prabat (8125m) aufgrund von körperlichen Erschöpfungserscheinungen umkehren musste.

Jetzt hat Tamara ihre Liebe zu den Bergen zum Thema ihres Buches "Meine Glückseeligkeit an der Grenze zum Tod - Traum und Albtraum auf den höchsten Bergen der Welt" gemacht. Ich habe die 31-Jährige in München zum Interview getroffen und sie zu ihrem Verhältnis zu den Bergen, den Menschen und dem Tod befragt.

TAMARA LUNGER...

...über das Bergsteigen

Jede Expedition ist für mich eine Lehrreise. Es ist wie eine Suche nach mir selbst. Man begegnet so vielen Dingen: Dem Tod, der Kälte, den zwischenmenschlichen Problemen. Auch wenn man in dem Moment leidet, bringen einen diese Situationen so viel weiter.

..über ihre Liebe zu den Bergen

Die Berge zu lieben ist für mich schöner als in einen Mann verliebt zu sein. 2012 habe ich den K2 das erste Mal gesehen und dachte: „Oh, ist der groß, steil und massiv.“ Aber ich dachte nicht, dass ich ihn besteigen könnte. Beim zweiten Mal habe ich mich dann verliebt. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch. Da wusste ich, dass ich ihn besteigen will.

...über die Herausforderungen in den Bergen

Die Einstellung auf andere Gruppenmitglieder ist für mich die größte Herausforderung. Alleine kann ich traurig und fröhlich sein, wie es mir gerade passt. Ich bin ein extremer Mensch und mich auf andere einzustellen fällt mir manchmal nicht leicht.

...über Berggefährten

Es ist schwer, einen passenden Expeditionspartner zu finden. Man ist über Wochen und Monate zusammen. Da kommt es auch mal zu Auseinandersetzungen. Man muss ein sehr ehrliches Verhältnis zueinander aufbauen.

...über Bergtouristen

Ich sehe immer wieder Leute, die noch nie Steigeisen an hatten, die nichts vom Bergsteigen verstehen und dann wollen sie einfach irgendeinen 8000er besteigen. Da kommt mir regelmäßig das Grausen.

Für diese Leute geht es nur um Sensation. Ihnen fehlt jegliche Wertschätzung gegenüber den Bergen. Ich suche dort Ruhe und innere Zufriedenheit. Wenn ich dann im Basislager ankomme und diese Menschen dort treffe, da geht mir alle Energie flöten, die ich eigentlich für den Aufstieg bräuchte, weil ich mich so ärgere.

...über ihr Verhältnis zu Frauen

Frauen können untereinander unausstehlich sein. Ich habe zwei Mal versucht, mit einer Frau in die Berge zu gehen. Beim ersten Mal habe ich mir gesagt: „Einmal und nie wieder!“ Sie war so kompliziert. Die zweite Frau war mir sehr ähnlich und dann hat es gut funktioniert. Aber solche Frauen gibt es nicht oft.

 

"Wir Frauen sind zäher als jeder Mann!"

 

...über ihr Verhältnis zu Männern

Als ich klein war, hatte ich einen Leistenbruch und meine Mutter durfte nicht mit in den Operationssaal. Diese Trennung hat mich irgendwie traumatisiert. Von diesem Tag an, als der Arzt mich von meiner Mutter wegriss, hatte ich Angst vor Männern. Vielleicht habe ich gerade deshalb die Konfrontation mit ihnen gesucht. Wahrscheinlich habe ich an irgendeinem Tag meines Lebens beschlossen: Denen zeig ich's.

...über ihre Rolle als Frau in einer von Männern dominierten Welt

Am Berg ist es mir nicht wichtig, als Frau gesehen oder bevorzugt zu werden. Ich möchte als gleichwertiges Expeditonsmitglied wahrgenommen werden.  Wenn eine Frau von vornherein ankommt und sagt: „Ich möchte weniger schleppen“, dann hat sie in meinen Augen schon versagt.

Wir sind genauso stark wie Männer. Gerade wenn es um Ausdauer geht, haben wir meiner Meinung nach sogar die Nase vorn. Wir sind zäher als jeder Mann!

Schwierig ist es natürlich, wenn wir unsere Tage haben, oder allein schon, wenn wir unterwegs aufs Klo müssen. Deshalb gebührt uns besonderer Respekt. Mir ist es noch nie passiert, dass mir etwas nicht zugetraut wurde. Ich gehe einfach ran, packe an, schleppe und so wird ganz schnell klar, dass ich den Männern in nichts nachstehe.

...über ihr Scheitern unterhalb des Gipfels des Nanga Parbat im Himalaya

Das war der einzige Moment, als ich mir gewünscht hätte, bei einer Expedition als Frau wahrgenommen zu werden. Ich hatte mein Ziel nicht erreicht, mein Traum war geplatzt und dann bin ich auf dem Rückweg ins Basislager auch noch abgestürzt und wäre beinahe doch ums Leben gekommen.

Als ich zurück im Lager 4 war, habe ich mich nach netten Worten, nach einer Umarmung gesehnt. Doch das hat es in dieser Männerwelt nicht gegeben. Du darfst dir deine Enttäuschung nicht anmerken lassen, musst hart sein und deine Traurigkeit im Stillen mit dir selbst ausmachen.

...über die Begegnung mit dem Tod

Bei meiner zweiten Expedition am Kangchenjunga im Himalaya ist ein Bergsteiger aus einer anderen Gruppe abgestürzt, den ich kannte. „Als sie zu mir herkamen und meinten „Tamara, der Walter ist abgestürzt, da war es, als würde mein Herz in die Hose rutschen. Mir war kalt und warm zugleich. Am nächsten Tag haben wir dann, statt Richtung Gipfel zu gehen, geholfen den Körper zu bergen. Obwohl ich wusste, dass es kein schöner Anblick sein würde, wurde mir schlecht und ich musste mich beinahe übergeben. Doch ich habe es geschafft, meine Emotionen abzuschalten und am Ende des Tages war ich stolz auf mich, wie gut ich die Situation gemeistert hatte.

Die Ernüchterung kam am nächsten Tag, als alles über mich hereinbrach und ich nicht mehr aufhören konnte zu heulen. Meine Angst war, dass wenn ich mit diesem Gefühl im Bauch nach Hause fahren würde, der Berg für mich gestorben wäre.

Also habe ich mir einer anderen Gruppe angeschlossen, um noch einmal Richtung Gipfel zu gehen. Es war schwierig mit diesen Bildern im Kopf weiterzumachen und es hat Monate gedauert, bis ich mich erholt habe, aber seitdem hat der Tod für mich eine andere Bedeutung bekommen.

...über ihren Umgang mit dem Tod

Wenn ich dem Tod nahe bin, empfinde ich das Leben viel intensiver. Manch einer mag vielleicht denken, dass ich den Tod in den Bergen suche, aber das stimmt nicht. Mich haben andere Kulturen und ihre Einstellung zum Tod inspiriert. Es ist normal, dass Menschen sterben. Ob ich mit 40 oder 45 sterbe oder mit 80 ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist doch, wie ich gelebt habe. Ich will jeden Tag füllen, anstatt zuhause auf meiner Couch zu warten bis ich 100 bin und sterben darf.
Ich möchte Emotionen erleben, positive und negative. Dass ich am Ende meines Lebens sage: „Hätte ich doch mal...“, das wird mir nicht passieren!

 

"Irgendwann einmal wünsche ich mir einen Mann, bei dem ich schwach sein darf"

 

...über Schwäche

Irgendwann einmal wünsche ich mir einen Mann an meiner Seite, bei dem ich schwach sein darf. Privat habe ich keine Lust auf Rollentausch. Da möchte ich Frau sein. Es ist nicht leicht einen Mann zu finden, der stark genug ist, mit meiner Persönlichkeit klar zu kommen.

...über Kampfgeist

Ich war schon immer ein Wettkampftyp. Wenn ich auf einer Skitour jemanden oben am Berg sehe, will ich ihn einholen und auch meine eigenen Limits will ich ständig übertreffen. Dadurch gehen sie stetig hoch. Manchmal stoße ich an mein Grenzen. 2014 nach dem K2 habe ich die Transalp gewonnen. Danach bin ich zum Bedienen aufs Oktoberfest. Am Ende war ich dann zehn Tage mit Lungenentzündung im Krankenhaus. Irgendwann macht der Körper einfach dicht.

...über Sport

Während des Studiums war ich sportsüchtig. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht und dachte „Ich habe zu wenig trainiert!“. Ich musste mich zwingen, nicht aufzustehen und Bauchmuskelübungen zu machen. Das war sehr anstrengend. Ich war der Sklave meiner Sucht.

Durch meine Knieprobleme musste ich lernen, mich zu zügeln.
Heute gehe ich auch mal mit Leuten Skitour, die sich am Gipfel hinsetzen und die Aussicht genießen wollen. Vor zehn Jahren hätte ich das nicht ausgehalten. Da hätte ich gleich den nächsten Gipfel bezwingen wollen. Ich beginne jetzt auch das Zusammensein mit Freunden, das gemeinsame Erleben und die Schönheit der Natur zu genießen. Es hat Jahre gedauert, das zu lernen.

...über das Nichtstun

Wenn es mal einen Sonntag gibt, an dem ich nichts zu tun habe, stimmt mich das immer sehr traurig, weil ich dann sehe, was ich angerichtet habe in meinem Leben. Ich liebe das, was ich tue, aber ich habe nur noch sehr wenig Kontakt zu Freunden. Mein soziales Leben ist verkümmert. 

...über Angst in den Bergen

Wenn ich irgendwo langgehe und ich bekomme so ein komisches Gefühl im Bauch, dass etwas nicht stimmt, dann weiß ich dass ich umkehren sollte. Es ist wichtig, auf dieses Gefühl zu hören. Manchmal hatte ich schon damit zu kämpfen, dass ich mir gesagt habe: „Du Weichei! Warum bist du nicht weitergegangen?“, aber andererseits glaube ich, dass mein Bauchgefühl mir immer wieder das Leben gerettet hat und weiterhin retten wird.

...über die Zivilisation

Mehr Angst als am Berg habe ich allerdings vor der Zivilisation. Stadtmenschen sind immer im Stress und schlecht gelaunt. Sie sind in ihrem Hamsterrad gefangen. Wir sind heute so reizüberflutet, dass wir verlernt haben, in uns hineinzuhören. Deshalb wünsche ich jedem, dass er in der Natur mehr zu sich selbst findet. Die Natur ist unser größter Lehrmeister, egal ob bei der Besteigung eines 8000ers oder beim Kanufahren.

 

"Ich mag Menschen, die auch mal ein Bier trinken"

 

...über die Vorbereitung auf Expeditionen

Ich bin eigentlich immer bereit für eine Expedition. Ich trainiere gern. Ein, zwei Trainingseinheiten am Tag sind für mich ganz normal und machen mir Spaß. Um mich auf die Kälte vorzubereiten, tauche ich im Winter in einer kalten Regentonne ab.

...über Ernährung

Ich liebe gutes Essen. Man muss das Leben genießen. Zwar versuche ich, mich gesund zu ernähren, aber auf Süßigkeiten kann ich einfach nicht verzichten. Wer die Dinge zu verbissen sieht, der kann auch nicht gut mit Unregelmäßigkeiten umgehen. Es sind immer die Leute, die sich ein bisschen treiben lassen, die am besten mit Schwierigkeiten umgehen können. Verbissenheit und Diäten sind schlecht für dich und dein soziales Leben. Ich mag Menschen, die auch mal ein Bier trinken.

...über Familie

Auch wenn die Zeit knapp ist, versuche ich meine Familie so oft wie möglich zu sehen, denn man weiß nie, wann es das letzte Mal sein wird.

...über Ziele

Das Leben ist immer im Wandel. Deshalb habe ich keine großen Ziele. Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Mein einziges Ziel ist es, glücklich zu sein. Dafür brauche ich jeden Tag etwas anderes, aber das ist doch schön!

 

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